Mehr Tierschutz in der Landwirtschaft – Bericht

Breite Debatte zu einem drängenden Thema

Maximal 15 bis 30 Kilogramm Fleisch im Jahr empfehlen Gesundheitsexperten. Im Schnitt kommen in Deutschland aber 60 Kilo Fleisch und Wurst pro Person auf den Tisch. Billig und viel lautet die Devise. Das Tierwohl bleibt dabei häufig auf der Strecke. Dabei gibt auch viele, die sich vegetarisch ernähren oder komplett auf tierische Produkte verzichten. Er selbst habe vor etwas mehr als einem Jahr entschieden, zu 95 Prozent vegan zu leben, verrät Norbert Knopf, Landtagskandidat der Grünen im Wahlkreis Wiesloch.

Um beim Thema Tierschutz in der Landwirtschaft ganz verschiedene Positionen abzubilden hat er die Tierärztin, Autorin und frühere Landesbeauftragte für Tierschutz, Dr. Cornelie Jäger, den Vorsitzenden des Kreisbauernverbandes Rhein-Neckar Wolfgang Guckert und die Initiative Vegan in Wiesloch (und Umgebung) eingeladen.

Tierhalter, Handel und Verbraucher in der Pflicht

Cornelie Jäger kritisiert das Preisdumping im Lebensmitteleinzelhandel und fordert eine tiergerechtere Haltung. Fleisch finde sich als Aktionsware meist ganz oben auf den Prospekten der Supermärkte. Bei der privaten „Initiative Tierwohl“ zur Fleischkennzeichnung zahlen die Mitgliedssupermärkte pro verkauftem Kilo Fleisch oder Wurst eine Abgabe. „Die Idee ist grundsätzlich nicht falsch, aber man denkt es zu klein. 6 Cent sind einfach zu wenig“, sagt die Tierärztin.

Tiere brauchen Platz, um sich bewegen zu können und Luft zum Atmen. Schweine sind intelligente Tiere und brauchen eine anregende Umgebung, nennt sie ein Beispiel. Damit die Branche den erforderlichen tierwohlgerechten Umbau der Ställe finanzieren kann, plädiert Jäger für eine massive Ausweitung der Umlage auf 37 Cent/kg für Fleisch und 6 Cent/kg für Milch. Wie bei Käfigeiern bereits gelungen sollte der Handel zudem bestimmte Produkte auslisten.

Verbraucher*innen sollten sich beim Kauf und Konsum von Fleisch nicht nur vom Preis, sondern von den Ansprüchen an tiergerechtere Haltung leiten lassen.

Puten und Masthähne sind auf extrem schnelles Wachstum, Kühe auf hohe Milchleistung gezüchtet. „Die hochgezüchteten Tiere führen ein kurzes und belastetes Leben“, weiß die Tierärztin.

‚Snuten und Poten‘

Statt weiter auf Hochleistung zu setzen regt sie an, die Zuchtziele zu korrigieren und auch Zweinutzungsrassen wiederzuentdecken.

Was sie stört ist die Inkonsequenz vieler Fleischesser aber auch Vegetarier. So beobachtet sie, dass Leute kurzgebratene Edelstücke wie Koteletts und Lendchen essen, aber schon mit einem Suppenfleisch nichts mehr anzufangen wissen. Ihre große Familie hatte im Herbst im Schwarzwald ein Achtel Weideochse gekauft, ein männliches Kalb einer Zweinutzungsrasse aus dem Bestand der Grünen Landtagsabgeordneten Martina Braun. Die Tiere werden sorgfältig aufgezogen, transportiert und im Nachbartal geschlachtet. Die Kälber von schwarzbunten Milchkühen dagegen sind nichts wert und gehen teils schon mit zwei Wochen auf den strapaziösen Transport nach Spanien oder Holland.

Jäger hatte vom Schwarzwaldhof einen ganzen Eimer Weideochsen-Knochen mitgenommen und an andere verteilt, die daraus Brühe machen wollten. Ihr Mann sei Norddeutscher gewesen und habe noch von dem Gericht Snuten un Poten (Plattdeutsch für ‚Schnauzen und Pfoten‘) erzählt. „Und wenn ich Eier esse, dann muss ich wenigstens ab und zu auch ein Suppenhuhn essen“, ist ihre persönliche Überzeugung. Die vegane Ernährung hält sie in dieser Hinsicht übrigens für konsequenter als die vegetarische.

 

Nur Pflanzen auf dem Teller?

Seit Anfang 2016 veranstaltet Vegan in Wiesloch (und Umgebung) regelmäßig vegane Schlemmer-Treffs. Für Tanja Schättler hat das Thema viel mit Achtsamkeit zu tun. Sie ernährt sich schon seit 2005 vegan und kam aus gesundheitlichen Gründen dazu. Zu der Zeit war das noch etwas Exotisches, es gab nur eine einzige Website über das Thema, berichtet sie.

Leid vermeiden und ihren CO2-Fußabdruck klein halten will Axinja Elser. Ihre Küche sei kreativer geworden und sie habe einen besseren Geschmackssinn entwickelt. Es geht darum, gemeinsam Spaß zu haben, zu genießen und zu zeigen, so schwer ist es nicht, sich pflanzlich zu ernähren, erklären beide.

 Sind Kühe Klimakiller?

Die Tierhaltung führt weltweit zu hohen Treibhausgas-Emissionen und der Anbau von Futterpflanzen nimmt viel Fläche in Anspruch. Für Cornelie Jäger sind vor allem Wiederkäuer wie Rinder, Schafe und Ziegen dennoch nicht zwangsläufig Klimakiller, denn sie können eine wichtige Rolle bei der Entwicklung von wertvollem Grasland und bei der Humusbildung spielen.

Statt Kohlendioxid in irgendwelche Kavernen zu pressen sollten die natürlichen Kapazitäten des Bodens genutzt werden, sagt sie. Humus gilt als wichtiger CO2– und Wasserspeicher, 1 Tonne Humus bindet 2 Tonnen Kohlendioxid. Durch Humusbildung lässt sich die Speicherkapazität des Bodens für Wasser und CO2 deutlich erhöhen. Dagegen werden bei der Herstellung von Kunstdünger große Mengen Treibhausgase frei.

Die besten CO2-Speicher sind bekanntlich Moore und Feuchtgebiete. Der Wasserüberschuss führt zu Sauerstoffmangel im Boden und verhindert den vollständigen Abbau der pflanzlichen Reste. Aber auch der Humusgehalt von Dauergrünland ist hoch, höher als der von Waldböden und deutlich höher als der von Ackerflächen, betont die Expertin. Das liege daran, dass bei der Bodenbearbeitung Luft an den Humus kommt und er sich dadurch schneller zersetzt.

Verbessern lässt sich der Boden durch den Anbau von Klee-Grasgemischen als Tierfutter. Ideal sei es, den Festmist aus der Tierhaltung zusammen mit Komposten einzuarbeiten. „Aber da braucht es viele Muckis dazu, oder passende Technik“, so Jäger.

Region auf gutem Weg

Wolfgang Guckert hat im Mannheimer Norden einen konventionellen Ackerbaubetrieb mit Schweinehaltung. Die Schweine haben Zweiraumbuchten, können im Stroh wühlen und werden mit Hand gefüttert. Auf seinem Biobetrieb im Odenwald hält er Mutterkühe, die vom April bis November auf der Weide stehen. In beiden Betrieben komme nur Festmist zum Einsatz. Der Bauernvertreter macht aber auch deutlich, dass er sich die hohen Standards nur leisten kann, weil er die Möglichkeit hat, sein Fleisch im Mannheimer Hofladen direkt zu vermarkten.

Auch der Verbraucher müsse mitziehen, betont er. In Untersuchungen, bei denen Leute vor Supermärkten befragt und das Kaufverhalten beobachtet wurde, stellte sich Vieles als Lippenbekenntnis heraus.

In der Region ist man auf einem guten Weg, macht Guckert klar. Der Anteil an Grünland steigt seit 20 Jahren, auch sei Baden-Württemberg das einzige Bundesland, in dem die Stickstoffbelastung im Grundwasser — wenn auch langsam – sinkt. Der ehemalige Landwirtschaftsministers Gerhard Weiser habe mit Umweltauflagen viel für den Wasserschutz und eine schonende Bodenbearbeitung erreicht. Im Land gebe es keine Massentierhaltung, aber Familienbetriebe, die ihre Tiere und deren Gesundheitsstatus gut kennen.

Man darf nicht vergessen, dass der Handel Fleisch aus Norddeutschland — Tönnies lässt grüßen — auch in Baden-Württemberg verkauft und die Probleme auch noch ins Ausland exportiert, gibt Norbert Knopf zu denken.

Nachfrage nach regionalem Bio fördern

Das Biodiversitätsstärkungsgesetz, das aus der Bienen-Initiative entstanden war, sieht vor, dass bis zum Jahr 2030 der Anteil der ökologischen Landwirtschaft auf 30 bis 40 Prozent erhöht wird. Damit es sich für Höfe lohnt, auf Bio umzustellen muss aber auch die Nachfrage deutlich steigen. Daher wollen die Grünen, dass in öffentlichen Kantinen mehr regionale Bioprodukte auf den Tisch kommen. In ihrem Wahlprogramm setzen sie hierfür ein Zeichen: Die landeseigenen Kantinen und Mensen sollen auf regionale Kost umstellen und hier den Bio-Anteil auf 30 Prozent bis 2025 und auf 100 Prozent bis 2030 steigern. Auch für dieses Ziel will sich Norbert Knopf im Landtag stark machen.

 

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